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Vorschlag einer ARD-Reform: Kurzfassung und Thesen

Dies ist kein ARD-Papier, sondern ein privater Vorschlag für eine ARD-Reform angesichts einer für den Senderverbund immer ungemütlicheren Grosswetterlage. Die Texte und Thesen beruhen auf eigener Anschauung und vielen Gesprächen mit derzeit aktiven und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie einer langjährigen Kenntnis der deutschen Medienpolitik und ihrer Akteure. Da von der ARD strukturell nichts kommt, haben sich - wie soeben bekannt wurde - bereits im Januar fünf Bundesländer zusammengefunden, um ihrerseits bis Mitte Juni ein ARD-Papier zu erarbeiten. Es ist also höchste Zeit für eine eigene Initiative.

 

Änderungen, Korrekturen und Ergänzungen jederzeit vorbehalten. Zuschriften und konstruktive Kritik erbeten an jpp@statement.de

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1.         Vorschlag einer ARD-Reform: Kurzfassung

2.         Thesenpapier I:  Die aktuelle Situation der ARD

3.         Thesenpapier II:  Skizze eines ARD-Reform-Plans

4.         Thesenpapier III:  Nachrichtenkanal ARD24

Reformvorschag: Kurzfassung

1. Die ARD muss sich neu erfinden angesichts grundlegender Veränderungen des technischen, gesellschaftlichen und politischen Umfelds. Macht sie das nicht selbst, werden es andere tun - und zwar nicht zum Vorteil der ARD.

2. KEF-Streit stoppen: Diskussion vom Kopf auf die Füsse stellen. Erst Aufgabendebatte, dann Strukturdebatte, dann Gebührendebatte. Und zwar nicht fremdbestimmt, sondern von den ARD-Intendanten selbst in Gang gesetzt.

3. Mehrwöchiger öffentlicher ARD-Konvent unter Beteiligung der Landtage; kommentierbar von jedermann live auf facebook. Raus aus der Konfrontation, rein in einen konstruktiven, ergebnisoffenen (!), nachvollziehbaren Dialog.

4. Herausarbeitung und Schärfung des ARD-Markenkerns: Verzicht auf Gemeinschaftsproduktionen mit dem ZDF und auf eine übertriebene Orientierung am Sendeschema der Konkurrenz.

5. Konsolidierung 1: Verzicht auf tagesschau24, ARD one, 3sat, ARD-alpha, kritische Überprüfung der arte-Beteiligung, Neuformulierung der Phoenix-Aufgaben.

6. Konsolidierung 2: Abgabe von MoMa und MiMa komplett an das ZDF.

7. Konsolidierung 3: Schaffung eines einheitlichen, 16- bis 18stündigen Rahmenprogramms für alle Dritten Programme mit regionalen Fenstern morgens und abends.

8. Erweiterung 1: Gründung von ARD24 als 24/7- Nachrichtenkanal mit eigener Infrastruktur und Hauptsitz in Kassel, Filiale im ARD-Hauptstadtstudio, Büros in jedem ARD-Sender und nebenberuflichen Stringern in jeder grösseren deutschen Stadt ab 30.000 Einwohnern.

9. Erweiterung 2: Auslagerung der teuren Sportevents in Pay-TV-Sportkanal ARD Sport; Zusatzgebühr fünf Euro, geschätztes Jahresaufkommen bei zehn Millionen Interessenten 600 Mio p. a. (Standardpaket).

9. Erweiterung 3: Aktuelles Regional-TV-Morgenmagazin, das die Ereignisse des Vorabends und der Nacht aus dem Bundesland abbildet - z. B. "Morgenschau" nach dem Vorbild der "Abendschau".

10. Erweiterung 4: Nutzung der dramatischen Vereinfachung und Verbilligung der Übertragungstechnik: Schaffung einer flächendeckenden Produktions-Infrastruktur für regionale Sportereignisse unterhalb der Fußball-Bundesligen, Handball, Basketball, Schwimmen in enger Zusammenarbeit mit den Verbänden und Vereinen des Sendegebiets.

11. Breite Ausweitung der Live-Sportberichterstattung und journalistischen Begleitung in den Dritten Programmen, dafür ggf. zusätzliche Regionalfenster an den Wochenenden.

12. Erweiterung 5: Ausweitung der Berichterstattung (analog zu Vorschlag 9 - Regionalsport) über regionale Kulturereignisse, soweit sie nicht bundesweit dafür in Frage kommen.

13. Neues Prinzip: Jede(r) Mitarbeiter(in) einer ARD-Anstalt, ob fest oder frei, muss sich künftig auch als Vertreter, Botschafter und sogar als Reporter betrachten, wenn er zufällig oder absichtlich bei Ereignissen dabei ist, die andere Menschen ebenfalls interessieren könnten - Wirbelsturm, Verkehrsunfall, Geldautomatensprengung. "Haben wir noch nie gemacht" fällt als Ausrede genauso aus wie "Dafür werde ich nicht bezahlt". Vorruhestand ist out, Umschulung ist in.

14. Jede Arbeit, jede Planstelle in einem Funkhaus, die ihre Programmrelevanz nicht wirklich überzeugend nachweisen kann, steht zur Disposition.

15. Das Verhältnis zwischen Input (Geld und Personal) und Output (Programm) ist inzwischen indiskutabel schlecht. Es muss nicht nur dringend deutlich besser werden - es kann auch deutlich besser werden, was allerdings ein neues Selbstverständnis aller Mitarbeiter erforderlich macht, vor allem der Festangestellten in Führungspositionen.

16. Verankerung der Assoziation: ARD = Heimat und Heimat = ARD

17. ARD. Wir kennen uns hier aus.

Thesenpapier I: Die aktuelle Situation der ARD

1. Die politische Unterstützung des öffentlich-rechtlichen Systems in Deutschland und in ihm speziell der ARD bricht in Zeitlupe weg. Während das ZDF sich geschickt bestmöglich aus der öffentlichen Konfrontation um eine etwaige Gebührenerhöhung nach 2020 heraushält und diskret auf eigene Rechnung agiert, lässt es der amtierende ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm auf offener Bühne auf einen Eklat ankommen, was die Gegenseite in Person der SPD-Politikerin Malu Dreyer schon aus Gründen der Selbstachtung nicht kampflos hinnehmen kann.

2. Wilhelms Drohung, jede Verweigerung einer Anpassung der Haushaltsabgabe an die allgemeine Kostenentwicklung werde zu schmerzhaften Einschnitten ins Programm führen, wird nicht als sachliches Argument wahrgenommen, sondern als Drohung und Erpressungsversuch. Dies geschieht in einer Situation, in der speziell die ostdeutsche CDU auf Distanz zur ARD geht - zum Teil, weil sie inhaltlich unzufrieden mit dem Programm ist, zum Teil, weil sie unter besonders hohem Druck der AfD steht und immer weniger einsieht, sich für künftige Gebührenerhöhungen vom Wähler bestrafen zu lassen.

3. Wenn man die - zuletzt regelrecht wütende - Darstellung der ARD-Intendanten akzeptieren soll, die Gebührenkommission KEF habe kein Recht, sich in die Programmgestaltung einzumischen, dann ist es ein Unding, genau an dieser Stelle zu passen und mit leeren Händen vor Politik und Publikum zu treten. So steht eine auch nur annähernd überzeugende Antwort der ARD auf die Digitalisierung und die gravierende Änderung der Sehgewohnheiten nach wie vor aus.

4. Das derzeitige Senderbouquet versteht kein Mensch. Schlüssig erklären können es nicht einmal die Verantwortlichen selbst. Es ist Ergebnis einer Serie von Kuhhandeln, die viel mit irrationalen Befindlichkeiten, aber wenig mit den Interessen von Hörern und Sehern zu tun haben. Eine Umschichtung der Ressourcen - etwa eine Aufgabe erfolgloser Nischenangebote zugunsten eines eigenen Nachrichtenkanals - trauen sich die Intendanten schon gar nicht zu. Sie haben Angst, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

5. Ein Intendant, der sich wie Tom Buhrow einbildet, ihm stünden 400.000 Euro Jahresgehalt zu, ohne dafür ein Minimum an gestalterischer und zukunftsfähiger Leistung zu erbringen, hat nichts begriffen und arbeitet an seiner eigenen Abschaffung. Dabei sind aktuelle Beweise der Überforderung im Umgang mit dem WDR-internen Belästigungsskandal - Bonsai-Weinsteins wurden befördert, Whistleblower bestraft - noch gar nicht eingerechnet.

6. Der Generationenabriß, von den öffentlich-rechtlichen Sendern seit Jahren beschworen, findet längst statt und frisst sich naturgemäss in immer weitere Jahrgänge hinein. Allein die Tatsache, dass sich RTL, Sat 1 oder Pro7 in ihrer Programmgestaltung noch dusseliger anstellen und das Ringen um eine wie auch immer definierte, vielleicht noch halbwegs jugendaffine Qualität weitgehend eingestellt haben zugunsten von Verkaufsgeschäften, die nichts mehr mit Fernsehen im eigentlichen Sinne zu tun haben, und dank der fürwahr abenteuerlichen Entscheidung der Privaten, die terrestrische Ausstrahlung zu verschlüsseln, bewahrt ARD und ZDF bislang vor einem Quotendesaster im linearen Fernsehen.

7. Was politische und gesellschaftliche Aufklärung betrifft, droht den etablierten Anstalten bei den Unter-60-Jährigen in den kommenden zehn Jahren die Irrelevanz. Politische und gesellschaftliche Irrelevanz aber wäre für die ARD tödlich.

8. Die mit einem fetten finanziellen Nachschlag verbundene Atempause, die die Einführung der Haushaltsabgabe 2013 zur Folge hatte, wurde von der ARD nicht genutzt für eine grundlegende Anpassung an neue Gegebenheiten unter damals noch finanziell und politisch eher komfortablen Bedingungen, sondern missverstanden als Bestätigung der Bestands- und Entwicklungsgarantie, stammend von Verfassungsrichtern aus mittlerweile grauer Vorzeit.

9. Sollte sich Ulrich Wilhelm einbilden, ein neuer Gang nach Karlsruhe könnte eine politisch akzeptable Antwort an die Bundesländer im aktuellen Gebührenstreit ersetzen, dürfte dies angesichts mittlerweile gänzlich anderer Umstände in einem bösen Erwachen enden.

10. Der grosse Fußballsport ist für die ARD nicht mehr finanzierbar; das gleiche gilt wahrscheinlich für Olympia. Sich an dieser Stelle zu verkämpfen, anstatt sich den Tatsachen zu stellen, engt neben den ohnehin horrenden Fixkosten und Pensionslasten den Handlungsspielraum mehr und mehr ein und gefährdet so die Legitimität des öffentlich-rechtlichen Systems auf den wirklich wichtigen Feldern: Politik, Gesellschaft, Dokumentationen, Debatte. Fußball wird einschließlich der Weltmeisterschaften zur Pay-TV-Angelegenheit; im Moment erleben wir nur noch die letzten Zuckungen.

11. Wenn es wirklich gut läuft, können ARD und ZDF einen gemeinsamen verschlüsselten Sportsender gründen - Zusatzbeitrag zum Beispiel für ein Standardpaket mit 1. und 2. Bundesliga: Fünf Euro. Diese Lizenz der Politik abzutrotzen, wird angesichts des Sturms der Entrüstung von Privatsenderseite sehr schwer, aber unmöglich ist es nicht im Rahmen eines schlüssigen Gesamtkonzeptes, zumal ein solcher Schritt ein oder zwei Gebührenerhöhungen entbehrlich machen könnte.

12. Vorbei ist auch die Zeit, in der man glaubte, sich eine klare Abgrenzung zum ZDF, eine klare und öffentlich nachvollziehbare Aufgabenverteilung ersparen zu können. Die Forderung der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt, die ARD möge sich auf das Regionale konzentrieren, ist keineswegs abwegig oder gar unverschämt, sondern angesichts einer generellen Rückbesinnung auf Heimat und Identität sogar unabdingbar.

13. Das Regionale ist politischer als je zuvor und verlangt nach einer journalistischen Aufarbeitung weit jenseits der zum Überdruss abgenudelten Heimatkitschserien á la "Hessens schönste Kuhställe". Die Provinz hat den USA Donald Trump beschert und Großbritannien den Brexit. Die Provinz wird Deutschland einen AfD-Kanzler bescheren, wenn man nichts aus diesen Ereignissen lernen und die Landbevölkerung mit Herablassung behandeln will.

14. Der "tatort" ist aber auch deshalb unverändert beliebt, weil er das föderale Prinzip lebt und Kiel mit Konstanz und Dresden mit Münster ideell verbindet und die dortigen Mentalitäten anschaulich und verständlich macht. Zeigte man den Hessen nur noch Frankfurter oder Wiesbadener "tatorte", wäre es damit vorbei. Bayern und Holsteiner sind mental mindestens so weit auseinander wie Flamen und Wallonen, aber die Deutschen gehen deutlich geschickter mit ihren Unterschieden um.

15. Dass Deutschland, entstanden einst aus einem bunten Sammelsurium evangelischer und katholischer Klein- und Kleinststaaten mit höchst unterschiedlichen Interessen, trotz aller Wirbelstürme der Geschichte eine Balkanisierung erspart geblieben ist, ist einem zwar oft belächelten, aber höchst erfolgreichen Proporzdenken zu verdanken - konfessionell, politisch und eben auch regional. Was natürlich nur funktionieren kann mit einem national agierenden Senderverbund.

16. Insofern ist Medienminister Rainer Robra spätestens dann zu widersprechen, sollte sein Plan auf eine Abschaffung der Arbeitsgemeinschaft, auf ein Zurückstutzen der ARD-Sender auf ihr jeweiliges Sendegebiet hinauslaufen. Der politische Preis wäre enorm; die Republik driftete noch weiter auseinander, als es zwischen West und Ost (rechte Wahlerfolge, Pegida, Soli), teilweise (etwa in der Energiepolitik oder im Streit um den Länderfinanzausgleich) sogar zwischen Nord und Süd heute schon anhand feiner Bruchlinien erkennbar ist.

17. Zu beobachten, wie die Produktionsabteilungen der ARD-Sender die phantastischen Möglichkeiten ignorieren, ja bekämpfen, die sich aus der Miniaturisierung, Verbilligung und Vereinfachung der Aufzeichnungs- und Sendetechnik ergeben, tut regelrecht weh. Für den Gegenwert eines einzigen grossen Ü-Wagens liesse sich längst die flächendeckende aktuelle Berichterstattung eines mittleren Bundeslandes technisch sicherstellen. Doch ehe man nicht nach den im Kern noch aus den 50er Jahren stammenden Parametern sendet, die zentimeterdicke Vorgabenhefte füllen, sendet man lieber überhaupt nicht. Damit läuft die ARD Gefahr, mit ihren technischen Vorgaben Antworten auf Fragen zu geben, die niemand gestellt hat.

18. Bis der Heimatsender berichtet, hat der U50-Zuschauer im Netz längst das siebte Update vom Ereignisort gesehen, kommentiert und geteilt. Um das zu ändern, müssten die Intendanten freilich zu einer Radikalreform ihrer Strukturen schreiten, die sie in einen schweren Konflikt mit Personalräten, Gewerkschaften und Besitzstandswahrern zwänge.

19. Die Festangestellten könnten sich nicht mehr gegenseitig selbst verwalten, sondern liefen Gefahr, aus dem warmen Büro und ihrem sinnlosen, weil unproduktiven Dauerkonferenzmodus vertrieben zu werden und eine Kamera in die Hand gedrückt zu bekommen, um plötzlich Reporter zu sein: Rausgehen und nachgucken, was los ist. Livestream ins Funkhaus. Material aus eigener, vertrauenswürdiger Quelle, wofür der öffentlich-rechtliche Rundfunk ja stehen sollte. Kein Hexenwerk, kann man lernen, hat technisch jeder Zehnjährige heute drauf.

20. Dass ARD und ZDF jeweils eigene Redaktionen und Produktionsapparate für Morgen- und Mittagsmagazin vorhalten, die dann wochenweise abwechselnd ins Koma verfallen, weil dann der andere Sender dran ist, ist niemandem mehr zu erklären. Das war eine idiotische Idee vom ersten Tag an, die auch durch wolkige Hinweise auf Pluralitätserfordernisse nie zu rechtfertigen war. Alle vier Redaktionen unterscheiden sich in ihrer grundsätzlich von Zustimmung geprägten Herangehensweise an die jeweilige Regierung oder gesellschaftliche Entwicklungen nicht einmal in Nuancen.

21. Wenn das Mittagsmagazin neuerdings durchgehend vom ZDF in Berlin produziert wird, ohne dass der Sendebetrieb zusammenbricht, zeigt dies nur, wie gross der Korrekturbedarf auch auf diesem Feld ist.

22. Die Dritten Programme der ARD sind in der vorhandenen Form nicht überlebensfähig und in dieser Form auch nicht sinnvoll. Streng genommen waren sie es noch nie, weil die Ressourcen für ein ernsthaftes 24-Stunden-Vollprogramm noch nie ausreichten. Das weiss niemand besser als die Intendanten selbst, aber sie würden sich eher die Zunge abbeissen, als es zuzugeben. Und das, obwohl hier der Reformbedarf sowas von klar auf der Hand liegt, dass wir es hier mit Realitätsverleugnung zu tun haben.

23. Ihre nun schon traditionelle Schockstarre im Verhältnis zu ihren strukturell defizitären Dritten hat noch eine weitere Konsequenz: Die Intendanten zucken regelmässig zusammen, wenn sie nach einem beliebigen Grossereignis, das sich jeder vorbereitenden Planung entzogen hat, weil es etwa von einem Attentäter ausgelöst wurde, der Forderung nach einem echten ARD-Nachrichtenkanal begegnen. Einen solchen zu gründen, sei Sache der Politik, heisst es dann stets.

24. Dieser News-Channel ist nach der zuverlässig gruseligen Performance, die die ARD nach der Terrorserie von Paris, dem Putschversuch in der Türkei, dem Massenmord von Nizza oder dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt zeigte, derart überfällig, dass man sich später fragen wird, warum seine Realisierung mit der Brechstange durchgesetzt werden musste - vorausgesetzt natürlich, die ARD überlebt ihr unentschuldbares Versäumnis und er entsteht irgendwann doch.

25. Es gibt in den Führungsetagen der zehn Anstalten keinen erkennbaren gestalterischen Willen. Strategieabteilungen sind sehr wohl vorhanden, aber ihre Arbeit hat vor allem die Bewahrung des Vorhandenen und die Abwehr des Konkurrierenden zum Gegenstand; Lob und Tadel der Beteiligten orientieren sich exakt an diesem Maßstab.

26. Wer dem Senderchef etwa mit dem Gedanken kommt, Vorhandenes aufzugeben, weil es sich überlebt hat oder nicht bewährt oder gar - horribile dictu - etwas Anderes wichtiger wäre, um also im Gegenzug etwas Neues aufzubauen, macht sich des Hochverrats verdächtig, mindestens aber der Nestbeschmutzung. Diese Mikado-Mentalität ist derart ausgeprägt, dass sie fast schon neurotische Züge hat.

27. Alleine der Gedanke, man könnte der Politik mit Argumenten kommen, gar auf Überzeugung setzen, weil eine Reformidee für sich selbst sprechen könnte, gilt als geradezu irre. Für die Vorstellung, in der Auseinandersetzung mit den demokratisch legitimierten Politikern habe man es mit Pokerspielern zu tun, die keine Chance auslassen, falsch zu spielen und die Sender über den Tisch zu ziehen, gibt es aber - bisher jedenfalls - in der gesamten Geschichte der ARD-Anstalten keinen triftigen Beleg. Allerdings könnte sich dieses Zeitfenster demnächst schliessen.

28. Sollte etwa die AfD nach Sachsen (Bundestagswahl) nun auch im Brandenburger Landtag 2019 stärkste Kraft werden, würde das politische Klima für ARD und ZDF noch rauher werden. Bereits im Oktober 2018 wird in Hessen gewählt; die Zeiten eines AfD-freien Parlaments dürften damit auch in Wiesbaden enden, was das politische Klima auch dort mindestens rhetorisch nicht zugunsten des Hessischen Rundfunks verändern und die hr-freundlichen Parteien unter Rechtfertigungsdruck setzen wird.

29. Dass eine Gebührenerhöhung alle 16 Landtage passiert, wird so oder so von Monat zu Monat unwahrscheinlicher. Am Ende wird man froh sein können, wenn es gelingt, die Einheitlichkeit der Haushaltsabgabe bundesweit zu retten.

30. Unbedingt festhalten, was man hat, aber jederzeit schauen, ob die Grosswetterlage vielleicht im geeigneten Moment doch noch die eine oder andere Ausweitung erlaubt, für die man aber nichts hergeben muss - diese Strategie hat sich bereits Ende der 90er Jahre mit der Gründung von Phoenix erschöpft.

31. Dass die Rundfunkräte ihre Intendanten und Direktoren in dieser Haltung seit Jahr und Tag unverändert sogar noch bestätigen, als Motoren von Erneuerung und Verbesserung von Hamburg bis München komplett ausfallen und immer häufiger sogar an ihrer Kernaufgabe krachend scheitern, der Ermittlung und Wahl eines fähigen Intendanten, rundet das deprimierende Bild ab.

32. Reaktionäre Rundfunkräte braucht kein Mensch; sie schwächen die öffentlich-rechtliche Idee an einer entscheidenden Stelle, anstatt sie zu stärken und wetterfest zu machen. Rundfunk ist Sache der Allgemeinheit und die Rundfunkräte die Vertreter eben dieser - aber wenn diese Allgemeinheit komplett desinteressiert ist daran, was die jeweiligen Rundfunkräte treiben, und deren wertvolle Pressetexte auf Textbausteinen bestehen, die zuletzt 1998 aktualisiert wurden, dann gibt es dafür einen Grund.

33. Der - unter Datenschutzaspekten höchst fragwürdige - Meldedatenabgleich, den die Bundesländer den Sendern im Zuge der Umstellung auf die Haushaltsabgabe 2013 als dicke Sahnetorte obendrein gaben, was zu einer Welle von Zwangsanmeldungen und den nun so umstrittenenen Mehreinnahmen führte, bestärkte die Sender in ihrem Irrglauben, von der Politik hätten sie auf unbestimmte Zeit keine echten Zumutungen zu erwarten. Malu Dreyer überlegt exakt in diesen Tagen, wie man sie von dieser Illusion ein für allemal befreien könnte.

34. Die politische Krise der BBC, die sich durch ein eklatantes Führungsversagen in eine Existenzkrise auszuwachsen drohte, wurde überwunden, weil die BBC zwar Politik und Zeitungen zum Gegner hatte, die Bevölkerung, also die Zuschauer und Zuhörer, aber zum - wie sich zeigen sollte: machtvollen - Verbündeten. Letztere erwiesen sich als überlegen; nur mit ihrer Hilfe gelang es der BBC, den Angriff auf ihr finanzielles Fundament weitgehend abzuwehren und sich neu zu erfinden, ohne ihre Qualitätsstandards zu verraten.

35. In Deutschland hatte sich nach 1950 eine eher gegenteilige Konstellation herausgebildet: SPD, CDU und Grüne, mit Abstrichen je nach Tagesform auch CSU und FDP hielten jahrzehntelang aus zum Teil durchaus eigensüchtigen Motiven ihre schützende Hand über ARD und ZDF, sodass eventuelle Vorbehalte, Proteste oder Entziehungsversuche der Bevölkerung wirkungslos blieben: Per Gebührenpflicht wurden und werden Hörer und Seher zu ihrem Glück gezwungen; wer sich dauerhaft verweigert, dem wird das Konto gepfändet; ersatzweise Haftantritt.

36. Das ist eine andere Situation als in Großbritannien, die in Deutschland zur Folge hatte, dass die Loyalität des Publikums von den Intendanten als für die eigene Existenz nicht ganz so wichtig eingeschätzt wurde und wird wie die Loyalität der Politik. Das Schmähwort vom "Staatsfunk" oder "Staatssender" hat hier seinen Ursprung - die Orientierung an den Interessen derjenigen, die über das eigene finanzielle Wohl entscheiden, blieb vom Publikum ungeachtet aller gegenteiligen Beteuerungen nicht unbemerkt.

37. Eben diese Loyalität der Politik erodiert jedoch in einem Augenblick, in dem es den grundsätzlich ARD-freundlichen Parteien selbst an den Kragen geht und sie den Unmut eines - augenscheinlich wachsenden - Teils der Bevölkerung über Gebaren und Produktqualität der Sender nicht länger nonchalant ignorieren können.

38. Vor die Wahl gestellt, den finanziellen Wünschen der Sender wie gewohnt zu entsprechen, dafür aber weitere Abwanderung von Wählern zur AfD oder auch nur zur ebenfalls Ö-R-kritischen FDP oder CSU zu riskieren, oder jetzt erstmals ein Exempel zu statuieren und als hypertroph empfundene Forderungen und Besitzstände öffentlichkeitswirksam zurückzustutzen, werden speziell SPD und CDU kaum die erste Option wählen, weil sie glauben, damit nur weiter verlieren zu können.

39. Nichts wäre natürlich in dieser Lage - siehe BBC - wertvoller als die uneingeschränkte Loyalität der Bevölkerung. Doch daraus wird nichts. Vielmehr wurde sie in den zurückliegenden 25 Jahren schwächer. Das hat nur zu einem geringen Teil seine Ursache in der Digitalisierung und ihren Folgen, also in einer sagenhaften und von niemandem aufzuhaltenden Ausweitung des Programmangebots, denn dieser externe Faktor galt ja auch für die BBC.

40. Hauptgrund für eine fortschreitende und langsam gefährlich werdende Entfremdung zwischen ARD und Publikum sind vielmehr eigene und sehr gravierende inhaltliche Fehler, kumulierend in einer erstaunlichen Distanzlosigkeit gegenüber der deutschen Politik und ihren Irrtümern, wie sie nun als solche zu Tage treten.

41. Bundeskanzler Kohl hätte es ohne die fast durchgehend sehr wohlwollende, mindestens aber harmlose und gerne geradezu bewundernde Berichterstattung und Kommentierung seines Lebensprojektes, der Europäischen Währungsunion, sehr viel schwerer gehabt, den Euro zwischen 1991und 1998 gegen den Widerstand einer zu fast drei Vierteln skeptischen Bevölkerung durchzusetzen. Kritik an Umfang und Zeitplan des Euro wurde über Jahre unisono und auch mit Hilfe von ARD und ZDF als nationalistisch, europafeindlich und hinterwäldlerisch denunziert. Heute aber sehen grosse Teile der Bevölkerung ihre Vorbehalte weitgehend bestätigt, während Politik, Experten und Leitmedien in ihrer ungebrochenen Europa-Seligkeit Legitimationsverluste hinnehmen mussten.

42. Ähnliches gilt für die Elitenprojekte "Energiewende" mit ihrer beispiellosen Umverteilung von Unten nach Oben, "EU-Osterweiterung", die speziell in den Großstädten unter anderem zur Verwahrlosung ganzer Stadtteile und einer krassen Zunahme der grenzüberschreitenden Kriminalität führte, und in jener unterschiedslosen Förderung unkontrollierter Einwanderung, welche der AfD innerhalb von Monaten zum Durchbruch verhalf, weil alle anderen Parteien sich taub zeigten für den Protest der einheimischen Bevölkerung.

43. Bei keinem einzigen der oben genannten Megathemen fand und findet die Bevölkerung ihre Vorbehalte, ihre Fragen und ihre Sorgen ausreichend im ARD-Programm repräsentiert. Schon gar nicht fand sich jemand zu einem Eingeständnis bereit, etwa der Euro sei - mit Blick auf das Elend in Griechenland, die Krisen in Italien und in Spanien, den Dauerkonflikt mit Frankreich um die Politisierung der Währung - keineswegs das geniale Friedensprojekt, als der er jahrzehntelang der kleinen dummen unwissenden Bevölkerung gepriesen worden war.

44. Wenn es nicht um Details geht, sondern wirklich um die Substanz, konnte sich die Bundeskanzlerin vom ersten Tag an hundertprozentig auf den Flankenschutz der ARD verlassen.

45. Nicht ein einziges der von Angela Merkel oft auf demokratisch fragwürdiger Legitimationsbasis durchgesetzten Grossprojekte wurde von den programmprägenden ARD-Journalisten vor und hinter der Kamera zu irgendeinem Zeitpunkt in Frage gestellt. Diese fungierten vielmehr als zuverlässige Hilfstruppen, wenn es darum ging, gegen "Populismus" anzusenden oder die jüngsten angeblichen Integrationserfolge in den höchsten Tönen mit einfühlsamen Reportagen zu loben, während Mordanschläge verrohter Neubürger als regionales Ereignis abgetan und von der tagesschau, wo immer möglich, ferngehalten wurden.

46. Die Diskrepanz zwischen Lebenswirklichkeit und Sendungswirklichkeit führte zu einem Vertrauensverlust, der sich - wenn überhaupt - nur durch eine radikale Rückbesinnung auf journalistische Kriterien heilen lässt, die nicht die mutmassliche politische Wirkung einer Nachricht im Auge haben, sondern auch die Relevanz des Ereignisses in den Augen der eigenen Zielgruppen.

47. Natürlich müssen die Relevanzkriterien eines tagesschau-Redakteurs nicht identisch sein mit denen eines Rentners in Kandel. Das hätte groteske Folgen. Aber sie müssen für den Rentner noch mit gutem Willen nachvollziehbar sein. Nimmt der pädagogische Impetus des Redakteurs aber überhand, verbindet sich gar mit Motiven, die eher einen Aktivisten als einen Journalisten vermuten lassen, dann kommt es zum Bruch.

48. Nichts weniger als diesen Bruch kann die ARD in der jetzigen kritischen Situation gebrauchen, soll die Entwicklung nicht ausser Kontrolle geraten.

49. Das Verhältnis zwischen Input (Geld und Personalaufwand) und Output (Programm) ist im Laufe der Jahrzehnte immer schlechter geworden und inzwischen hochkritisch. Redakteure fragen sich schon lange, wo eigentlich die ganze Kohle bleibt, wenn sie wieder einmal mit ihrem Verlangen gescheitert sind, eine journalistisch wichtige Dienstreise genehmigt zu bekommen oder eine Sondersendung anzusetzen. Selbst direkt programmrelevante Kleinigkeiten scheitern inzwischen an angeblichem Geldmangel.

50. Dass grosse, zeitkritische Dokumentationen oder Fernsehspiele wie zuletzt "Bad Banks" und "Gladbeck" ohne umfangreiche staatliche Unterstützung, harmlos "Fördertöpfe" genannt, gar nicht mehr denkbar sind, ist ein untragbarer Zustand. Die einflussreichste Intendantin Deutschlands heisst nicht etwa Karola Wille oder Patricia Schlesinger, sondern Monika Grütters - mit Sitz im Kanzleramt, eine Etage unterhalb von Angela Merkel. Zu glauben, dies könne ohne Folgen für die Programminhalte bleiben, wäre hoffnungslos naiv.Nichts weniger als diesen Bruch kann die ARD in der jetzigen kritischen Situation gebrauchen, soll die Entwicklung nicht ausser Kontrolle geraten.

Thesenpapier II: Skizze eines ARD-Reform-Plans

Vorbemerkung: Die - von wem auch immer zu verantwortende - Konzentration der aktuellen Debatte um die Zukunft von ARD und ZDF auf die Gebührenfrage (rauf, runter, gleichbleibend) ist höchst unbefriedigend und hat mindestens bereits den ARD-Vorsitzenden in eine argumentative Sackgasse geführt, womit er nun mit dem Rücken an der Wand steht und sich neben der KEF nun auch noch Ministerpräsidentin Malu Dreyer zum Gegner gemacht hat, was keine gute Idee war.

Das ist umso unverständlicher, als die ARD selbst ja erkennbar grundsätzlich unglücklich mit ihrer Lage und ihren Strukturen ist, woran selbst eine ansehnliche Gebührenerhöhung nicht wirklich etwas ändern würde. Notwendig ist eine Debatte ihres Selbstverständnisses und ihrer Aufgaben angesichts sich stark wandelnder Bedingungen - gesellschaftlich, politisch, technisch.

Auch wenn Patricia Schlesinger das Gegenteil erklärt: Die ARD muss sich neu erfinden und auf dieser Grundlage dann über ihre finanziellen Ansprüche an die Bevölkerung sprechen. Andernfalls wird es ihr wie den GroKo-Parteien gehen, die im Wahlkampf den Elefanten im Raum zu ignorieren versuchten und zur Strafe die AfD aufs Auge und in den Bundestag gedrückt bekamen.

Erfreulicher wird eine fremdbestimmte Grundsatzdiskussion für den Senderverbund keinesfalls ausgehen. Das wissen die Intendanten im Prinzip auch, reagieren aber nicht offensiv, sondern ziehen sich in ihre Wagenburgen zurück und hoffen, sich wenigstens ihre jeweils eigenen Landtage gewogen halten zu können.

Damit droht das, was ARD-Journalisten tagaus, tagein populistischen Politikern vorwerfen: Regression, Rückzug auf die eigene Scholle, Kleinstaaterei.

1. Die Familie der ARD-Sender braucht eine Konsolidierung, Straffung, Profilschärfung und an zwei entscheidenden Stellen eine Erweiterung, bestehend aus einem Newschannel ARD24 (siehe Thesenpapier III) und einem Pay-TV-Sportkanal ARDSport.

2. ARD one kennt kein Mensch und wurde bisher auch von niemandem vermisst.

3. ARD-alpha wird zwar einmal im Jahr in den Feuilletons als intellektuelles Highlight gelobt, bewegt sich jedoch mit seinen Einschaltquoten offensichtlich unterhalb der Messbarkeitsgrenze. Jedenfalls werden nicht einmal vom federführenden BR selbst noch Quoten veröffentlicht. Es handelt sich um ein vor 20 Jahren erfundenes Politiker-gnädig-stimm-Programm, das vom Publikum - wahrscheinlich mit gutem Grund - ignoriert wird und nur Geld kostet, ohne für die ARD irgendeinen Mehrwert zu erzeugen, nachdem nicht einmal mehr das Motiv der Frequenzverstopfung als Rechtfertigung verfängt.

4. Aus 3sat sollte sich die ARD zurückziehen. Irgendein Nutzen für die Marke und die Identität der ARD war und ist nicht erkennbar; der Einfluss der ARD auf das Programm ist seit je her gering. Dem ZDF, ohnehin federführend und in Mainz Hausherr, sollte man die Übernahme der ARD-Anteile anbieten.

5. tagesschau 24 wird mit dem Sendestart von ARD24 überflüssig. ARD aktuell wird aber ein zentraler Zulieferer für das stündliche Nachrichtengerüst von ARD24.

6. arte ist zwar ein wunderbarer Sender, trägt aber wie 3sat wenig zur Markenidentität der ARD bei. Allenfalls ein ideeller Nutzen für das Ansehen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens insgesamt ist erkennbar. Premieren aufwendiger Produktionen finden oft auf arte statt, während ARD und ZDF dann nur über das Zweitsenderecht verfügen.

7. Sofern es die ARD und in ihr speziell der federführende SWR für sinnvoll halten, sollten sie weiter Programm und WoManpower bereitstellen, ihren finanziellen und personellen Aufwand jedoch strikt am aktuellen Gebührenanteil ausrichten, also keinesfalls dieses Engagement subventionieren, sondern ein etwaiges Defizit gegenüber der KEF und der Politik thematisieren, notfalls aussteigen.

8. Morgen- und Mittagsmagazin sollte die ARD komplett an das ZDF abgeben. Der Zuschauer weiss ohnehin nicht, wer in welcher Sendewoche gerade zugange ist, und vermutlich interessiert es ihn auch nicht wirklich, woraus folgt, dass auch MoMa und MiMa zu wenig zur Markenidentität beitragen, um diesen Aufwand zu rechtfertigen. Alle Ressourcen müssen durchgehend vorgehalten werden, bleiben aber in 26 von 52 Wochen des Jahres weitgehend ungenutzt. Das ist schon lange niemandem mehr plausibel zu machen. Dass in den Nichtsendewochen tolle Recherchen stattfinden, möge bitte niemand behaupten.

9. Die Dritten Programme der ARD sind chronisch unterfinanziert und in dieser Form weder sinnvoll noch notwendig, sondern ein Klotz am Bein der Anstalten. Sinnvoll ist eine Umgestaltung in ein zentral gestaltetes und gesteuertes ARD-Gemeinschaftsprogramm - weitgehend aus Wiederholungen, wie es ja jetzt, wenn auch zeitversetzt, bereits geschieht - in einem Umfang von 16 bis 18 Stunden täglich mit regionalen Fenstern morgens von zum Beispiel 06:00 bis 08:00 oder 09:00 Uhr und abends von 18:00 bis 22:00 oder 23:00 Uhr. In diesen Zeiten sind die einzelnen Anstalten in der Gestaltung ihrer Dritten mit regionalen Inhalten frei - abends in der bewährten und ja auch streckenweise sehr erfolgreichen Form.

10. Die durch den Verzicht auf die ARD-Anteile an MoMa und MiMa gewonnenen Ressourcen sollten in die Dritten fliessen in Form eines aktuell in der Nacht produzierten regionalen Morgenmagazins, das zumindest in der morgendlichen Prime Time die bisherigen Wiederholungen der Abendsendungen ersetzt und den Zuschauern einen profunden Überblick gibt über die Ereignisse der vergangenen zwölf Stunden in seiner unmittelbaren Umgebung. Hier ist ein zumindest markantes Interesse zu unterstellen - nicht so hoch wie an den abendlichen Regionalmagazinen wie der "Abendschau" oder der "hessenschau", aber sicherlich deutlich höher als im Tagesdurchschnitt.

11. Am Morgen gibt es eine Nachfrage nach aktuellen und seriösen TV-Informationen aus der unmittelbaren Lebenswelt der Zuschauer, der bisher kein echtes Angebot der ARD entspricht. Der von der CDU verlangten Besinnung der ARD auf das Regionale könnte so mit Gewinn entsprochen werden.

12. Wenn die ARD verhindern möchte, dass nationaler und internationaler Fußball und Olympia nach 2020 ohne sie stattfinden, sie sich aber gleichzeitig der Tatsache zu stellen hat, dass jede Gebührenerhöhung, die die Teuerung der Übertragungsrechte auch nur halbwegs ausgleicht, illusorisch ist, bleibt ihr als Ausweg nur die Gründung eines eigenen Sport-Pay-TV-Kanals als GmbH. Sie müsste mit ihren Preisen allerdings im Interesse ihrer Existenzberechtigung und gesellschaftlichen Akzeptanz klar unter den kommerziellen Anbietern bleiben.

13. Unterstellt, man könnte für ein Sport-Live-Standardpaket mit 1. und 2. Fußball-Bundesliga, Fussball-WM, Champions League mit deutscher Beteiligung, DFB-Pokal und Olympia monatlich fünf Euro als Zusatzbeitrag verlangen und zehn Millionen Abonnenten gewinnen, liessen sich dadurch pro Jahr 600 Millionen Euro erlösen, was eine ansehnliche Grundversorgung für Sportinteressierte ermöglichen und vielleicht auch heute schon absehbare Kostensteigerungen für eine Weile abfangen würde. Das ZDF müsste dann sehen, wo es bleibt, sich auf andere Gebiete konzentrieren, etwa Wintersport oder Europa League.

14. Es stünde darüber hinaus ARD Sport ja frei, einzelne Ereignisse unverschlüsselt auszustrahlen, was natürlich solange funktioniert, wie sich der zahlende Abonnent dadurch nicht verarscht fühlt und dies vertraglich bei den Rechteinhabern durchsetzbar ist, wobei diese im Einzelfall ja auch ein Interesse an freier Empfangbarkeit haben können.

15. Dass die Berichterstattung über ein und denselben Wettbewerb abwechselnd von ARD und ZDF wahrgenommen wird, ist in jedem Fall nicht nur aus Gründen der ökonomischen Vernunft ein Anachronismus, sondern künftig auch mit Blick auf die wieder herzustellende Unterscheidbarkeit der Senderfamilien und Marken zu vermeiden. Die nachrichtliche, grundgesetzlich garantierte und damit lizenzfreie 1'30-Berichterstattung bliebe von solchen Profilschärfungen ohnehin unberührt.

16. Als Gegenleistung für die Politik und zur Befriedung der deutschen Privatsender im Falle einer Genehmigung eines ARD-Sport-Pay-TV-Kanals könnte man einen generellen Werbeverzicht erwägen, zumal die Erlöse daraus möglicherweise schon bald ohnehin nicht mehr wirklich ins Gewicht fallen werden angesichts der Summen, um die es bei den Sportrechten geht.

17. Ein weiterer riesiger und bisher nur notdürftig bestellter Acker sind die Sportvereine und Sportarten jenseits von Liga-Fussball und Wintersport: Regionalligen, Handball und viele mehr. Da die Vereine und Verbände sich von ARD und ZDF seit Jahr und Tag missachtet fühlen, nutzen sie die neuen technischen Möglichkeiten nun mehr und mehr selbst und streamen ihre Events an den Sendern vorbei direkt ans Publikum.

18. Das zulassend, verlieren die ARD-Sender direkt vor ihrer Haustür Verbündete in den Vereinen und sie verlieren eine Menge an Zuschauern. Da wäre für die Dritten - neben einer aktuellen Morgenstrecke - ebenfalls mit vertretbarem Aufwand eine Menge zu holen. Es ist weniger eine Frage des Geldes als eine der Organisation, dieses Potential ins Funkhaus zu holen. Auch damit könnte der von der CDU verlangten Besinnung der ARD auf das Regionale mit Gewinn entsprochen werden.

19. ARD = Heimat und Heimat = ARD - das wäre nicht die schlechteste Assoziation und eine wirkungsvolle Lebensversicherung für die Jahre nach 2020. Selbst die Grünen haben das ja nach kurzer Irritation, wer sich neuerdings den Heimatbegriff unter den Nagel zu reissen versucht und damit auch noch Erfolg hat, kapiert. "Heimat" ist nicht nationalsozialistisch verstrahlt - Heimat ist, recht und nicht rechts verstanden, Liebe zu den Menschen und zur Natur, Nächstenliebe. Die ARD muss sich nur trauen, diesen Gedanken mit neuem Leben zu erfüllen.

Thesenpapier III: Nachrichtenkanal ARD24

Teil a: Grundsätzliche Überlegungen

1. Die ARD braucht nicht lauter unterfinanzierte Dritte, schon gar nicht braucht sie unter Ausschluß der Öffentlichkeit werkelnde tagesschau-, Kultur-, Bildungs- und Nischenkanäle, die nur Insidern ein Begriff sind – sie braucht endlich einen ernstzunehmenden, schnellen, professionellen, mit modernsten – und zugleich in der Regel billigen – Geräten ausgestatteten Nachrichtenkanal, auf den rund um die Uhr Verlaß ist.

 

2. Unausgesprochen steht längst die Frage im Raum, ob man es mit der Zusammenarbeit zwischen ARD und ZDF nicht übertrieben hat, weil darunter die Sinnhaftigkeit der Unterhaltung zweier riesiger Apparate notwendig leiden musste. Inzwischen lässt sich für diesen Aufwand ja nicht einmal mehr das noch im 20. Jahrhundert so beliebte Muster als Rechtfertigung heranziehen, die ARD sei eher evangelisch und SPD-nah, das ZDF eher katholisch und CDU-nah. In ihrer Herangehensweise an politische und gesellschaftliche Themen unterscheiden sich die Senderfamilien nicht einmal mehr in Nuancen. Experten mögen noch handwerkliche Details identifizieren - allerdings keineswegs immer zugunsten der ARD.

 

3. Wenn bereits den Medienexperten in CDU-geführten Staatskanzleien der Markenkern der ARD nicht länger einleuchtet, ist dies ein Warnzeichen. Schon aus diesem Grund sollte ein waschechter öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal eine waschechte ARD-Veranstaltung sein, allenfalls - siehe unten - mit Phoenix als Zulieferer. Ohnehin würde das ZDF versuchen, umgehend mit einem eigenen Newschannel nachzuziehen. Die ARD wäre allerdings sehr gut beraten, hier wenigstens schneller zu sein als die öffentlich-rechtliche Konkurrenz.

 

4. ARD aktuell hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, daß es mit der Funktion als Nukleus eines Nachrichtenkanals überfordert ist, was zunächst niemandem vorzuwerfen ist, denn dafür wurde die Abteilung nicht konstruiert. tagesschau-Sonderausgaben werden speziell vom jüngeren Publikum nicht länger als Ersatz und Lückenbüßer akzeptiert, wenn es irgendwo richtig geknallt hat. Dazu sind die Online-Medien längst viel zu schnell, zumal der Axel-Springer-Verlag seine "Bild"-Zeitung ebenfalls zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Multimediakanal ausbaut; ein Vollprogramm ist da - wie heute schon bei der "Welt" - nur noch eine Frage der Zeit.

 

5. Dieser Entwicklung weiterhin mit verschränkten Armen zuzuschauen und - darauf angesprochen - achselzuckend auf "die Politik" zu verweisen, kann sich die ARD schlicht nicht leisten. Dass sie es trotzdem seit Jahren tut, ist in seinen Folgen bald kaum noch zu reparieren.

 

6. Phoenix ist als Nachrichtensender weder gedacht noch geeignet und was tagesschau24 eigentlich sein soll, weiß man nicht einmal beim NDR selbst. Phoenix sollte in ARD24 aufgehen und jene Sendestrecken füllen, in denen aktuell wenig passiert, sowie weiterhin die Übertragung von politisch oder gesellschaftlich wichtigen Live-Ereignissen gewährleisten.

 

7. Auch in diesen Live-Strecken muss jedoch jederzeit gewährleistet werden, dass sie zugunsten relevanter aktueller Ereignisse unterbrochen werden können. Der Zuschauer muss die Gewissheit haben, dass er nirgendwo schneller und präziser als auf ARD24 unterrichtet wird, wenn auf seinem Smartphone eine - auch nach Meinung von ARD24 relevante - Eilmeldung hochpoppt.

 

8. Technisch ist es ohnehin aus aktuellem Anlass kein Problem mehr, notfalls die von Phoenix bereitgestellte Ereignisübertragung online separat bereitzustellen, falls sich jemand partout einen achtstündigen SPD-Parteitag oder eine 14stündige Bundestagssitzung mit 23 Teilnehmern im Plenarsaal unterbrechungsfrei reinziehen will. Da Norbert Lammert nicht länger Bundestagspräsident ist, sind solche redaktionellen Entscheidungen auch wieder ohne Gefahr für Leib und Leben von ARD-Mitarbeitern samt mehrwöchiger Schimpfkanonaden durchsetzbar.

 

9. Alternativ ist zu überlegen, ob man Phoenix - sofern sich das ZDF das zutraut - ganz in die Hände des ZDF gibt, verbunden mit einem Vertrag als wichtiger Zulieferer. Im Gegenzug könnte man überlegen, ob man dem ZDF vertraglich Zugriff auf die eigenen Produktionen von ARD24 gewährleistet, die es live übernehmen darf, bis es mit eigenen Mitteln und aus eigenen Quellen berichten kann.

 

10. Inwieweit ARD24 und Phoenix allerdings wirklich nebeneinander sinnvoll als Vollprogramme koexistieren könnten und sollten, wäre gründlich zu beraten - natürlich auch im Hinblick auf die Kosten. Der zuletzt genannte Phoenix-Jahresetat belief sich auf 32,8 Millionen Euro (Stand 2015).

 

11. Reduzierte man die Aufgabe von Phoenix auf die oben beschriebene als reiner Zulieferer von ARD24, liessen sich die Kosten mindestens halbieren, ohne dass die der Politik so wichtigen Liveübertragungen aus Bundestag, Bundesrat, Landtagen und von Parteitagen eingeschränkt werden müssten.

 

12. Das stündliche Nachrichtenkorsett sollte so knapp wie möglich gehalten werden, zugeliefert von ARD aktuell in Form eines an die Vorgaben von ARD24 angepassten Angebotes nach dem Vorbild der grundsätzlichen Arbeitsweise von derzeit tagesschau24, allerdings mit deutlich groberem Raster.

 

13. Die für eine authentische Live Coverage notwendige Hardware ist in den vergangenen fünf Jahren derart billig geworden, daß die für einen ununterbrochenen Sende- und Übertragungsbetrieb erforderlichen Investitionen kein echtes Hindernis mehr darstellen.

 

14. Bereits mit einem Grundkapital von 40 Millionen Euro sowie einem Jahresetat von 80 Millionen ließe sich dieses Projekt realisieren, vorausgesetzt, ein Sender hat die alleinige Federführung und der/die Chef*in von ARD News 24 bekommt freie Hand bei der Auswahl und Führung von Technik und Personal bei weitgehendem Kleinstaaterei-, Arbeitsgruppen-, Kommissions- und Vondraußenreinlaberverbot.

 

15. 80 Millionen Euro Jahresetat entspricht einem Hundertstel der jährlichen Gesamteinnahmen von ARD und ZDF. Bevor ein Intendant sagt, dieser Betrag sei ohne Gebührenerhöhung "nicht darstellbar", sollte er kurz innehalten und überlegen, ob ein solcher Satz wirklich eine gute Idee ist.

 

 

16. Hinz und Kunz gehen inzwischen mit ihren Smartphones von jedem beliebigen Ort der Welt aus komplett ungefiltert live auf Sendung. Die Ereignisberichterstattung – speziell jene von Katastrophen, Unglücken, Anschlägen, Boulevard-Themen aller Art – befindet sich in einer epochalen Umwälzung. Wenn die großen Sender darauf keine Antwort finden – und zwar schnell und nicht erst in fünf Jahren – , bricht ihnen ihr Kerngeschäft weg. Was aber erst einmal weg ist, kommt nicht wieder.

 

17. Als Prinzip sollte gelten: Aus Deutschland wird mit eigenen Mitteln und Reportern berichtet, denen die übrigen ARD-Anstalten jeweils zwei oder drei Büros an ihren Standorten zur Verfügung stellen, von denen eines auch als multimediales Studio fungiert, idealerweise neben den örtlichen Kollegen von ARD aktuell; im Ausland stehen die Korrespondenten zur Verfügung.

 

18. Natürlich muß dieser News-Kanal so zentral angesiedelt werden wie möglich. Auf der Hand liegt als Zentrale das hr-Studio Kassel in der Mitte Deutschlands am Schnittpunkt der wichtigsten Nord-Süd- und Ost-West-Autobahnen.

 

19. ARD24 bezieht darüber hinaus fünf Büros im ARD-Hauptstadtstudio, von denen zwei ohne großen Aufwands als Live-Studios ausgerüstet werden.

 

20. Wenn die Redaktion einen Hubschrauber mietet, weil in Kleinkleckersdorf fernab jeder Autobahn eine Kohlengrube oder ein Tanklastzug explodiert ist oder ein Wahnsinniger einen Politiker angreift, dann mietet sie einen Hubschrauber – und gut ist.

 

21. Der erfolgreichste Newsroom wird derjenige sein, der es am geschicktesten versteht, die Zeit bis zum Eintreffen des eigenen Reporters durch die Nutzung von Amateurquellen zu überbrücken.

 

22. Ziel muss es sein, zwei Jahre nach der Gründung von ARD24 in jeder Kreisstadt einen ausgebildeten Journalisten zu haben, der bei Bedarf innerhalb einer Stunde vom Ereignisort live in Bild und Ton berichten kann, wobei als Übertragungsweg Mobilfunk zunächst absolut ausreicht. Das dafür notwendige Equipment inklusive HD-Kamera und Reportermikrofon kostet pro freiberuflichem Reporter derzeit noch 4.500 Euro. Wichtig sind Tempo, Authentizität, Verlässlichkeit. Diese Mitarbeiter bildet ARD24 im Hinblick auf seine besonderen technischen und formalen Ansprüche zentral selbst aus und hält sie anschliessend mit einer fairen Monatspauschale als Frei- oder Nebenberufler bei der Stange und in Bereitschaft. Gehen sie live auf Sendung, wird dies für jeden Einzelfall sehr gut gesondert bezahlt.

 

23. Bei der Nutzung von Amateurquellen die Spreu vom Weizen immer wieder aufs Neue zu trennen, und zwar innerhalb weniger Minuten, entwickelt sich zu einer eigenen journalistischen Kunstform, die herbe Fehler, böse Blamagen und großartige Chancen zugleich bereithält.

 

24. Oberste Priorität in der Philosophie von ARD24 muss die Schaffung und Nutzung eigener Quellen haben. Diesem Ziel haben sich alle Strukturen und Methoden unterzuordnen. Die Gründe dafür liegen in Zeiten globaler Desinformation, die einhergeht mit einer Delegitimation öffentlich-rechtlicher Medien weltweit, auf der Hand.

 

25. Die Wahl der Ausbreitungswege von ARD24 ist sekundär. Das Programm muss identisch weltweit sowohl auf dem Smartphone als auch am PC als auch mit dem klassischen TV-Empfänger als Teil der Grundversorgung nutzbar sein.

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Thesenpapier III b mit technischen Details folgt.

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